
Am Mittwoch um 02:05 Uhr beginnt der kalendarische Herbst - und das Wetter liefert die Kulisse schon vorher. Ab Sonntag strömt kühlere Luft heran, an den Küsten und in den Mittelgebirgen sind Böen der Stärke 8 bis 9 zu erwarten, im Flachland kann es ungemütlich werden. Früher hätte man von Äquinoktialstürmen gesprochen. Mit der Tagundnachtgleiche hat das allerdings nichts zu tun.
Ruhiger Samstag, stürmischer Sonntag
Der Samstag verläuft zweigeteilt: Im Nordwesten ziehen Schauer auf, die sich langsam südostwärts ausbreiten, während es im Süden und in der Mitte nach Auflösung des Frühnebels länger freundlich und trocken bleibt - gute Bedingungen für den Wiesn-Anstich in München bei bis zu 26 Grad. Am Sonntag greift dann ein kräftiger Trog von Nordeuropa über, mit Schauern, einzelnen Gewittern und 18 bis 24 Grad. An den Küsten und auf den Mittelgebirgen rechnen wir mit Böen der Stärke 8 bis 9, also 60 bis 88 Kilometern pro Stunde, vereinzelt sind sogar Böen der Stärke 10 nicht ausgeschlossen. Am Sonntag und besonders am Montag sind stürmische Böen auch im Flachland möglich. Wie tief das Tief genau zu liegen kommt, ist zwischen den Modellen noch offen.
Der Mythos vom Äquinoktialsturm
Fällt der erste Herbststurm mit der Tagundnachtgleiche zusammen, ist der alte Begriff schnell zur Hand. Laut DWD-Glossar bezeichneten Äquinoktialstürme ursprünglich Stürme über subtropischen Meeren rund um die Zeit der Tagundnachtgleichen, oft mit heftigen, teils gewittrigen Regenfällen. Geprägt wurde er im 17. Jahrhundert, als Seefahrer in der Karibik Hurrikane beobachteten. Später übertrug man ihn auf die Herbst- und Frühjahrsstürme unserer Breiten, Theodor Storm setzte ihm im Schimmelreiter ein literarisches Denkmal. In der heutigen Wissenschaft existiert der Begriff nicht mehr - und die Statistik stützt ihn auch nicht: In Mitteleuropa verteilen sich kräftige Sturmlagen recht gleichmäßig auf die Monate Oktober bis März, einen Gipfel rund um den 23. September gibt es nicht.
Warum die Stürme trotzdem zurückkommen
Der eigentliche Antrieb steckt im wachsenden Temperaturgegensatz. Die Arktis kühlt nach dem Polarsommer rasch aus, während der Nordatlantik die Sommerwärme noch monatelang speichert. Je größer dieses Gefälle, desto kräftiger wird der Jetstream in der Höhe - und desto tiefer können die Tiefdruckgebiete werden, die er nach Europa schickt. Das ist ein gleitender Prozess über Wochen, kein Schalter, der am Herbstanfang umgelegt wird. Übrigens sind Tag und Nacht an diesem Datum nicht exakt gleich lang: Die Lichtbrechung in der Atmosphäre und die Definition von Sonnenauf- und -untergang schenken uns noch ein paar Minuten Helligkeit. Ab Dienstag beruhigt sich das Wetter ohnehin wieder, dann kehren Nebel und Nächte um 6 bis 9 Grad zurück.
Johannes Graf
B. Sc. Meteorologie
Schon seit meiner Kindheit empfinde ich eine große Leidenschaft für meteorologische Phänomene. Das Wetter draußen zu beobachten sowie die ständigen Schwankungen des Thermometers faszinieren mich nach wie vor. Diese Verbundenheit mit der Meteorologie motivierte mich dazu, ein Meteorologiestudium am Karlsruher Institut für Technologie zu absolvieren. Seit April 2022 lebe ich meine Leidenschaft beruflich aus und bin Mitglied des Teams bei wetter.net.



