
Am Freitagvormittag haben sich vor dem Hafen von Marsala im Westen Siziliens mehrere Wasserhosen gebildet und sind als Tornados über die Küste gezogen. Dächer wurden abgedeckt, Autos umgeworfen und mehrere Schulen getroffen, in denen nach Angaben lokaler Medien 273 Kinder waren. Mindestens elf Menschen wurden verletzt, Tote gibt es nach bisherigen Angaben nicht. Die Unwetterlage über Italien ist damit noch nicht vorbei.
Zerstörung zwischen Marsala und Petrosino
Am schwersten getroffen ist der Süden von Marsala rund um die Contrada Terrenove Bambina sowie die Nachbargemeinde Petrosino. Mauern stürzten ein, Lagerhallen und Wohnhäuser verloren ihre Dächer, Strommasten knickten um. An der Schule Alcide De Gasperi riss der Wirbel einen Teil des Dachs ab. In Petrosino wurde ein Auto in eine Schlucht geschleudert, die beiden Insassen wurden verletzt. Nach Angaben der Gesundheitsbehörde ASP Trapani kamen neun Menschen in die Notaufnahme von Marsala, darunter vier Kinder, meist mit Schnittwunden und Abschürfungen. In Mazara del Vallo wurde ein 70-Jähriger schwer verletzt und nach Palermo verlegt. Die Stadt Marsala will den Notstand beantragen, mehrere Häuser sind unbewohnbar, die Bahnstrecke Trapani–Castelvetrano ist unterbrochen.
Kalte Atlantikluft trifft warmes Mittelmeer
Hinter dem Unwetter steckt dieselbe Umstellung, die uns in Deutschland den Temperatursturz gebracht hat: Kalte, labile Luft aus dem Nordatlantik ist bis weit ins Mittelmeer vorgestoßen. In Italien sanken die Temperaturen dadurch um fünf bis acht Grad. Das Meer ist nach dem Sommer aber noch sehr warm und gibt reichlich Feuchtigkeit und Wärme an die Luft ab. Der große Temperaturunterschied zur Höhenkaltluft lässt kräftige Gewitterzellen wachsen. Kommen Windscherung und zusammenlaufende Winde an der Küste hinzu, können sich über dem Wasser Wasserhosen bilden, die beim Übertritt aufs Land zu Tornados werden. Gänzlich neu ist das für Marsala nicht: Schon im Dezember 1851 trafen zwei Wirbel die Stadt, damals starben nach historischen Berichten rund 500 Menschen.
Italien bleibt unruhig, Deutschland beruhigt sich
Der italienische Zivilschutz hat für Freitag die Warnstufe Orange für Neapel, die Golfinseln, das Vesuvgebiet und das südliche Latium ausgegeben, dazu Gelb für 14 Regionen. In Kampanien und im Latium blieben Schulen geschlossen, in Neapel liefen Straßen und Unterführungen voll. Am Samstag bleibt es vor allem im Süden und auf Sizilien gewittrig, am Sonntag steigt der Luftdruck von Westen. Bei uns geht es am Wochenende wechselhaft weiter, bei 13 bis 18 Grad gibt es Schauer, an der Nordsee auch Gewitter mit stürmischen Böen. Ab Montag setzt sich ruhiges Herbstwetter durch, nach Nebel wird es oft freundlich bei 14 bis 20 Grad. Im Süden und Osten ist nachts leichter Bodenfrost möglich.
Dominik Jung
Diplom-Meteorologe
Als Diplom-Meteorologe stehe ich seit 2002 für das Wetter-TV von wetter.net vor der Kamera. Täglich ordne ich die aktuelle Wetterlage ein, bewerte die Langfristmodelle und erkläre, was hinter Extremwetterlagen wirklich steckt. Über 16 Millionen Mal wurden meine Prognosevideos bisher abgerufen.


