
Mit dem Oktober beginnt an Nord- und Ostsee die heikelste Zeit des Jahres: Fast alle schweren Sturmfluten der vergangenen Jahrzehnte fielen in die Monate zwischen Oktober und März. Die erste Oktoberwoche bleibt ruhig, am Montag frischt der Wind an der Küste nur mäßig auf. Eine Entwarnung ist das nicht - denn das Wasser startet heute von einem höheren Niveau als früher.
Wann der Wind das Wasser staut
Eine Sturmflut ist kein besonders hoher Tidenstand, sondern aufgestautes Wasser. An der Nordsee drücken kräftige Nordwest- bis Weststürme die Wassermassen in die Deutsche Bucht. Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie spricht ab 1,5 Metern über dem mittleren Hochwasser von einer Sturmflut, ab 2,5 Metern von einer schweren und ab 3,5 Metern von einer sehr schweren. In der Ostsee läuft es umgekehrt: Erst schieben westliche Winde das Wasser nach Osten, dreht der Wind dann auf Ost, schwappt alles zurück an die deutsche Küste. Dort beginnt das Sturmhochwasser schon bei einem Meter über Normalhöhennull.
Der 20. Oktober 2023 als Maßstab
Wie heftig das ausfallen kann, zeigte die Nacht zum 21. Oktober 2023. Sturmtief Babet und ein blockierendes Hoch über Skandinavien erzeugten einen tagelangen Oststurm über der Ostsee. In Flensburg stieg das Wasser auf 2,27 Meter über Mittelwasser, den höchsten Stand seit 1872, in Eckernförde auf 2,15 Meter. Der Schaden an Küsten, Häfen, Booten und Schutzanlagen wurde auf rund 200 Millionen Euro geschätzt, auf Fehmarn starb eine Frau durch einen umstürzenden Baum. Der Ausgangspunkt verschiebt sich dabei nach oben: In Cuxhaven liegt der Meeresspiegel nach BSH-Angaben etwa 25 Zentimeter höher als 1900, bis 2100 hält das Amt mehr als einen weiteren Meter für möglich.
Unsere Vorhersage: vorerst kein Sturm
In den kommenden Tagen bleibt die Küste verschont. Am Freitag fällt im Allgäu und im südlichen Württemberg anfangs noch kräftiger Regen, am Wochenende ziehen im Norden und Osten Schauer durch bei 17 bis 24 Grad. Am Montag frischt der Südwestwind an der See auf, einzelne stürmische Böen sind möglich, mehr nicht. Danach übernimmt schwacher Hochdruck mit zähem Frühnebel, am Dienstag 19 bis 25 Grad, am Mittwoch am Oberrhein bis 27 Grad. Erst ab Donnerstag wird es von Westen wieder nass. Zum Vergleich: In der Saison 2025/26 zählte das BSH an der Nordsee sechs Sturmfluten und an der Ostsee nur eine einzige.
Dominik Jung
Diplom-Meteorologe
Als Diplom-Meteorologe stehe ich seit 2002 für das Wetter-TV von wetter.net vor der Kamera. Täglich ordne ich die aktuelle Wetterlage ein, bewerte die Langfristmodelle und erkläre, was hinter Extremwetterlagen wirklich steckt. Über 16 Millionen Mal wurden meine Prognosevideos bisher abgerufen.

