
Über Norddeutschland sind wieder die ersten Keile zu hören: Der Herbstzug der Kraniche hat begonnen. Bis Oktober rasten 200.000 bis 300.000 Vögel zwischen Rügen, Rhinluch und Diepholzer Moorniederung. Doch dieser Herbst wird besonders genau beobachtet – nach dem Massensterben durch die Vogelgrippe im Vorjahr und einem Sommer, der die Feuchtwiesen austrocknen ließ.
Die Rastplätze füllen sich nur langsam
Deutschland ist die Drehscheibe des westeuropäischen Kranichzugs: Über 13.000 Brutpaare leben hier, bis Oktober rasten mindestens 200.000 bis 300.000 Vögel, insgesamt überfliegen mehr als 400.000 das Land, an Einzelrastplätzen wie dem Rhin-Havelluch sammeln sich 60.000 bis 70.000 Tiere. Noch läuft der Zug verhalten. An der vorpommerschen Küste wurden Ende August gut 4.300 Kraniche gezählt, ein Jahr zuvor waren es zum gleichen Termin rund 6.700. Auch am schwedischen Sammelplatz Hornborgasjön lagen die Zahlen Anfang September deutlich unter dem Vorjahreswert. Die großen Massen kommen erfahrungsgemäß erst im Oktober.
Vogelgrippe und Trockenheit überlagern sich
Im Herbst 2025 hatte das Vogelgrippevirus H5N1 unter den Kranichen gewütet, bestätigt vom Friedrich-Loeffler-Institut, mit Massensterben in Linum und am Stausee Kelbra. Die Stiftung Kranichland schätzt, dass rund 40.000 Vögel starben, etwa ein Zehntel der auf der westeuropäischen Route ziehenden Kraniche. Wie groß die Lücke wirklich ist, lässt sich in diesem Jahr kaum sauber trennen: Laut Günter Nowald von der Gesellschaft Kranichschutz Deutschland fehlten in Mecklenburg-Vorpommern rund fünf Prozent der Brutpaare in ihren Revieren – auch weil zu trockene Brutplätze Paare gar nicht erst siedeln lassen. Eine bundesweite Bilanz soll Mitte November in Stralsund gezogen werden.
Ruhiges Beobachtungswetter bis Dienstag
Das Hoch über Mitteleuropa hält sich. Bis Montag bleibt es weitgehend trocken, nach Frühnebel in den Flusstälern und einstelligen Nächten steigen die Höchstwerte von 17 bis 22 Grad heute auf 20 bis 25 Grad am Wochenende, im Süden bis 28 Grad und am Oberrhein örtlich auf 30 Grad. Am Dienstag wird es noch einmal sehr warm, danach wird es unbeständiger mit Schauern und einzelnen Gewittern. Für den Massenaufbruch nach Südwesten brauchen die Kraniche Rückenwind aus Osten, der stellt sich meist erst ab Mitte Oktober ein. Wer die abendlichen Einflüge beobachtet, sollte 250 bis 300 Meter Abstand halten.
Dominik Jung
Diplom-Meteorologe
Als Diplom-Meteorologe stehe ich seit 2002 für das Wetter-TV von wetter.net vor der Kamera. Täglich ordne ich die aktuelle Wetterlage ein, bewerte die Langfristmodelle und erkläre, was hinter Extremwetterlagen wirklich steckt. Über 16 Millionen Mal wurden meine Prognosevideos bisher abgerufen.




